7 Gründe gegen das Bedingungslose Grundeinkommen

Am Wochenende fand in München die Tagung zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ (kurz: BGE) statt. Besonders gespannt waren wir auf den Vortrag von Götz Werner, seines Zeichens Gründer der Drogeriekette dm und Initiator der „1.000 Euro für jeden“ Idee.

Götz Werner hatte es schon angedroht: ´Sie sind mit vielen Fragen gekommen – und werden mit noch mehr Fragen wieder gehen´. Leider blieben als Ressonanz auf den Abend nicht nur Fragezeichen, sondern ein grundlegendes Unbehagen zurück. Was, wenn es allen Zuhörern so geht wie mir? Für die Durchsetzung des BGE sehe ich da schwarz.

Meines Erachtens sind es 7 Gründe, die gegen das Bedingungslose Grundeinkommen sprechen:

1. Kopfgeburt ohne emotionale Basis

Ich soll etwas bekommen – 1.000 Euro sogar! – aber die freudige Erregung bleibt aus. Bin ich satt? Habe ich es „nicht nötig“? In der Tat. Ich gehöre (noch) zur Mittelschicht und auch wenn ich in wenigen Wochen arbeitslos sein werde, zähle ich nicht zu den armen Menschen in unserem Land. Wer ist wirklich arm?

Laut Statitstischem Bundesamt drohen 15 Prozent der Deutschen Armut. Das sind immerhin 12 Millionen Menschen, die über weniger als 848 Euro und somit über weniger als 60% des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügen können. Das macht sie per definitionem zu Armen (siehe Spiegel.de: So arm ist Deutschland).

Der überwiegende Teil der Deutschen allerdings, nämlich 85% und das sind 70 Millionen Bundesbürger, spürt diesen Druck nicht. Im Gegenteil: Viele Angehörige der MIttelschicht zählen sich selbst zur Oberschicht – irrtümlicherweise – oder liebäugeln mit den Reichen und hoffen auf mehr. (Das hat Ulrike Herrmann in ihrem Buch Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht anschaulich und überzeugend dargestellt.)

Das BGE will, so scheint es mir, eine Not beheben, die vom Grossteil der Bevölkerung nicht empfunden wird. Emotionen aber – das „am eigenen Leib spüren“ – sind eine starke Motivation.  Wo keine Not empfunden wird, ist der Drang zur Veränderung kaum gegeben.

2. Schlechter Name

„Nike“ und „Adidas“, „Nutella“ oder „Hanuta“ – wir kennen sie alle, die Marken, die seit Jahren erfolgreich beim Kunden ankommen. Die klingen gut und mit gelungener Wort-Bild-Marken-Kombi wird ihnen das Wiedererkennen garantiert.

„Bedingungsloses Grundeinkommen“ gehört nicht zu den Marken, die klingen. Es  ist eine Mehrwortbenennung, die beinhaltet, was sie bezeichnet. „Bedingungslos“, „Grund“ und „Einkommen“ – alle Bestandteile des zusammengesetzten Ausdrucks sind deutsche Worte und prinzipiell verständlich. Was genau genommen damit gemeint ist, erklärt sich trotzdem nicht von selbst. Es stellen sich etliche Fragen, die allein über das Sprachverständnis dieser Mehrwortbenennung nicht beantwortet werden.

Was hat aber der Name mit der Durchsetzung einer Idee zu tun? Oder anders ausgedrückt: Wie wichtig ist die Bezeichnung, mal vorausgesetzt die bezeichnete Sache ist gut und richtig?

„BGE“ klingt schlecht und auch nicht besser als „Hartz 4“. Hartz IV beispielsweise knarzt. Aber das dahinter stehende Programm, das Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe verschweisst, soll auch weh tun. Oder besser: Es muss nicht gefallen. Es ist staatlich verordnet und braucht keine Wohltat erzeugen, weder für die Ohren noch für das Bankkonto des Bedürftigen.

Eine Marke sorgt durch Bild und/oder Text für Wiedererkennung, für Sympathie und Vertrauen. dm-Gründer Götz Werner weiss in seiner Drogerie-Kette beides einzusetzen. „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“ lautet das Motto, das Kunden motivieren soll.  Das BGE muss keine Marke sein, sicher nicht. Aber wäre es nicht viel einfacher, so zu überzeugen? Wieso wird diese Möglichkeit versäumt?

3. Freiheit kann man nicht erkaufen

Stell dir vor: Der heiss ersehnte Urlaub naht. Du packst, ihr fahrt und alles könnte prima sein. Nur… richtige Freude will nicht aufkommen. Lesen macht keinen Spass, wandern oder rumhängen auch nicht und irgendwie… ach! Es sollte doch so schön werden…

Erwartungen und dieses Sehnen – „Wenns doch erst soweit wäre…“ – können verflucht teuflisch sein. Überfrachtet an Hoffnungen, plötzliche Freiheit, die schönen Träume geplatzt… Wer kennt es nicht?

Geld muss nicht glücklich machen. Das tut eine hohe Summe für viele Lotto Gewinner nicht. Das taten einige Monate Arbeitslosigkeit, abgesicherte!, bei mir ebenfalls nicht. Freiheit, Kreativität, Selbstverwirklichung: Die kommen nicht von alleine, nur weil man Freizeit, also freie Zeit zum Nachdenken, hat.

Freiheit muss gestaltet werden. Das kann eine Geldzuwendung alleine nicht garantieren.

4. Wir sind keine Sklaven

Heilsbringer und Propheten verweisen häufig auf eine Zukunft, die sie in schillernden Farben ausmalen. So ähnlich liest sich auch die frohe Botschaft zum BGE: ´Wenn ihr das Grundeinkommen habt, dann werdet ihr eure ganze Kreativität einsetzen können – dann seid ihr im geheiligten Land!´ Heilsbringer setzen eine Schwelle, ab dem das Leben in Ordnung kommt. ´Jetzt seid ihr in Fesseln, mit 1.000 Euro seid ihr frei!´

Aber so düster sieht die Gegenwart nicht aus: Arbeiter und Angestellte sind keine Lämmer, keine Schlachttiere, die in passiver Resignation zur Schlachtbank – hin auf die Rente, Alter und Tod – unterwegs sind. Unzufrieden, ja. Innere Kündigung? Vielleicht. Aber Fakt ist: Wir Werktätigen leben nicht in Ketten.

Wer Anreize braucht, der muss nicht auf das ständige „Morgen“ vertröstet werden. Wer auf das Morgen wartet, übersieht leicht die Möglichkeiten, die sich ihm in der Gegenwart bieten.

5. Schlechtes Gewissen – teuer bezahlt

Das BGE soll „Gleichheit“ erzeugen. Die Unterzeile „Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen“ spielt auf die Französische Revolution und deren Parole an, das letzte Kapitel des Werner Buchs „1.000 Euro für jeden“ nimmt explizit darauf Bezug.

Ein Bisschen scheinen die 1.000 Euro einen Ablasshandel verkörpern, der vom schlechten Gewissen freikaufen will. Eine Bemäntelung des Wunden Punktes. Da gibt es Hartz IV Empfänger, wir wollen nicht, dass sie verachtet und schlecht behandelt werden. Mit dem BGE hat endlich jeder die gleichen Rechte, das sieht man doch jetzt ganz deutlich: Jeder bekommt den gleichen Betrag ausgezahlt. Gerechtigkeit, Gleichheit pur!

Wir kaufen uns frei, so scheint es: Schämen wir uns, dass wir manchen so wenig geben? Wieso, so bleibt die Frage stehen, geben wir ihnen dann nicht einfach mehr?

6. Geld kein positiver Wert

Geld braucht jeder. Oder wie sollte man sich heutzutage sonst ernähren? Die arbeitsteilige Gesellschaft ist Realität geworden und wir keine Selbstversorger mehr. Tauschhandel wird zwar getestet oder unter Freunden praktiziert, eine breite Durchführung wird auf absehbare Zeit jedoch nicht erwartet.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Für Ruhm und Ehre! Mit Leidenschaft erkämpft und innigst vertreten. Das Grundeinkommen von 1.000 Euro = Geld, aber keine Motivation, kein positiver Wert, der einen auf die Strasse bringt und sich laut herausschreien liesse.

7. Unternehmer noch nicht reif genug

Für wen also, so lässt sich abschliessend fragen, ist das BGE wirklich gedacht? Die, die davon profitieren sollen, die Arbeiter und Angestellten scheinen es nicht haben zu wollen. Werden Stimmen laut, die am Konzept zweifeln, so werden meist Rentner genannt („Ich habe mein Leben lang gearbeitet – und andere kriegen das jetzt geschenkt?“) oder Skeptiker, die sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen können („Wer macht dann die Drecksarbeit? Das bleibt doch alles liegen…“).

Nicht beleuchtet bleibt allerdings die Rolle, die Unternehmen in der neuen Zeit spielen sollen. Nicht beleuchtet bleibt das Unbehagen, das einen Arbeitnehmer wie mich angesichts der freiwerdenden Gelder für den Unternehmer beschleicht.

Wer weniger an seine Mitarbeiter auszahlen muss, bekommt jede Menge Kapital zur freien Verfügung. Schön, nicht? Ja, könnte man sich denken: Das steckt er sicherlich in Investitionen, die der Gesellschaft wieder zu Gute kommen. Nur, das glaubt im Moment keiner, der sich Konzerne wie Schlecker ansieht oder die Selbstbedienungsmentalität der Banker und Manager betrachtet. Einzelfälle, sicherlich. Es gibt eben überall schwarze Schafe.

Ich sage nicht, dass Unternehmer so sind. Ich befürchte nur, dass wir Werktätigen es befürchten – und daher unbewusst oder bewusst, innerlich und insgeheim gegen ein BGE votieren. Noch mehr Geld in gierige Schlünder? Oh nein, danke. Das möchte keiner mit ansehen, bitte. Und in Abwandlung des Satzes, den Götz Werner für die Frauenrechtlerin zitiert, möchte ich mit der Frage schliessen:

„Unternehmer, bist du fähig, gerecht zu sein?“

Stichworte:

BGE, Bedingungsloses Grundeinkommen, Götz Werner, Utopie, Wirtschaftskonzept, 1000 Euro für jeden

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8 Kommentare zu “7 Gründe gegen das Bedingungslose Grundeinkommen

  1. Frank sagt:

    Hallo ZenBarbar,

    wow, ein toller Artikel. So etwas in der Richtung wollte ich demnächst auch über das ‚Bedingungslose Grundeinkommen‘ schreiben. Doch dein Beitrag ist so dermaßen gut, dass ich den jetzt wohl einfach nur wild verlinken werde. 🙂

    Dein Blog hat sowieso einige klasse Beiträge. Wirklich gute Grundausrichtung. Bitte schreibe mehr und mache jede Menge Suchmaschinenmarketing, damit die Leute da draußen endlich wach werden!

    Herzliche Grüße

    Frank

  2. anjo12345 sagt:

    Vor allem kann offensichtlich keiner der Rentner die in dem Vortag saßen lesen.

    Denn eine der nicht ganz unwichtigen Vorraussetzungen dafür, dass das „BGE“ (grässlicher Name!) überhaupt bezahlbar sein kann, ist, dass es eben eine ganze Menge anderer Transfers ersetzt – unter andrem der Rente.

    Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Besucher dann immer noch begeistert sein werden, wenn ihre Rente dann von knapp 1200 auf 1000 Euro sinkt.

    Ausserdem ist ganze Konzept zutiefst ungerecht, denn es sollen ja *alle* den gleichen Betrag bekommen – egal ob sie ihn brauchen oder nicht. Eine sinnlosere Verschwendung an Mitteln kann ich mir kaum vorstellen.

  3. Ich kann dir nicht nur 7, sondern 200 + 50 Gründe für ein BGE geben: https://plus.google.com/106110585362718948544/posts/3GmcUFhQ1EZ

  4. BGE-Freund sagt:

    Ein Bedinungsloses Grundeinkommen kostet für alle 7 Milliarden Menschen nur 84 Billionen Euro pro Kalenderjahr. Los Oligarchen – Taschen auf !

  5. Das BGE ersetzt bestehende Sozialleistungen in seiner Höhe, also kann sich jeder ausrechnen, ab welchem BGE-Betrag seine bisherigen Transferleistungen entfallen, weil sie künftig im BGE aufgehen.

    Es wird ohnehin nicht möglich sein, Rentner mit höheren Rentensprüchen zu enteignen, da diese verfassungsrechtlich garantiert sind. Ein Rentner müsste also seinen Rentenanspruch, der über das BGE hinausgeht, nachweisen, damit er ihn weiterhin zusätzlich zum BGE ausbezahlt bekommt. Dieser zusätzliche Rentenbetrag würde dann – wie bereits heute – besteuert werden.

    Davon abgesehen, bekommen auch heute alle das gleiche Existenzminimum in Deutschland garantiert, egal ob Niedriglöhner, Erwerbsloser, Rentner oder Milliardär. Was sich mit BGE ändert, ist der erhöhte Anreiz, zu diesem Sockel etwas dazuzuverdienen, denn im Gegensatz zu allen anderen Sozialtransfers, habe ich durch Grundeinkommen + Hinzuverdienst automatisch immer ein höheres Gesamteinkommen als diejenigen, die nur von ihrem Grundeinkommen leben:

    Die Finanzierung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) mit Hilfe einer einheitlichen Quellensteuer* auf ausnahmslos alle Einkommen als »Basic Income Flat Tax« (BIFT) ist ein volkswirtschaftliches Nullsummenspiel und kostet keinen Cent.

    Wenn wir das Existenzminimum (8.652 Euro/Jahr, 721 Euro/Monat in 2016), das schon heute jedem Bundesbürger entweder per steuerfreiem Grundfreibetrag oder via Grundsicherung (ALG 2, Grundsicherung im Alter etc.) zusteht, ab morgen direkt an die gleichen Bürger auszahlen, kostet das den Staat keinen Cent extra (für Kinder* wäre das BGE analog etwas niedriger).

    Eine BIFT würde nicht nur auf Löhne (Arbeit), sondern auch auf Leistungslose Gewinne (»arbeiten lassen«) erhoben. Bei 50 % schließt sie die Einkommensschere von Löhnen und Gewinnen. Bei einem jährlichen Volkseinkommen* von 2260 Mrd. (2015) fallen bei Grenzsteuersatz 50 % 1130 Mrd. im Jahr an. Ein monatliches BGE in Höhe von 1150 Euro ist bei 82 Mio. Einwohnern so aus den Primär-Einkommen finanzierbar.

    http://bgekoeln.ning.com/forum/topics/bge-in-deutschland-einfach-zu-finanzieren

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